„Es war uns eine Herzensangelegenheit, dass wir den Betrieb zu viert übernehmen. Wir haben deshalb eine gute Work-Life-Balance, arbeiten aber trotzdem viel.“
Mittagszeit auf dem Melchhof in Melchow. Am Tisch im Hofgarten sitzen acht Kolleg:*innen, ein paar Praktikant*innen, dazu frisches Gemüse aus eigenem Anbau. Zwischen den Apfelbäumen laufen Kinder – wie auf einem Riesenspielplatz. Für Saida Lindner ist das jeden Tag aufs Neue ein kleines Glück: So ein schöner Ort, findet sie, und so eine vielfältige Arbeit – fordernd, aber nie langweilig.
Dabei ist Saida Lindner eigentlich ein Stadtkind, geboren und aufgewachsen in Berlin-Schöneberg. Umweltthemen interessieren sie schon früh: Sie studiert an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und zieht danach hinaus in die Welt – freiwillige Arbeit auf ökologischen Farmen in Südamerika, ein Trainee-Jahr in der Entwicklungshilfe in Brasilien, Arbeit mit Bauern im Amazonas. Dabei merkt sie: Sie will nicht nur darüber schreiben, wie nachhaltiger Anbau funktioniert, sie will ihn selbst lernen.
Sie lässt das Master-Studium sausen und macht stattdessen beim Demeter-Verband und auf zwei Höfen eine biodynamische Ausbildung zur Gärtnerin: vier Jahre, viel Praxis. 2016 zieht sie nach Melchow und heuert als Gesellin auf dem Melchhof an. Dort trifft sie Tarek Janota, der zur gleichen Zeit seine Gärtner-Ausbildung beginnt, Johannes Fölsche, den Quereinsteiger, der seit 2012 dabei ist, und Marlene Plötz, die hier schon gelernt hat.
Die vier übernehmen immer mehr Verantwortung – und merken irgendwann: Sie wollen die Melchhof Gärtnerei gemeinsam in die nächste Generation tragen. Sie machen den Gründern Peter Sprenker und Beate Alberts proaktiv ein Angebot, und die sagen zu. Mehr als 30 Jahre gibt es den Betrieb zu diesem Zeitpunkt schon, die Gründer sind beeindruckende Persönlichkeiten: Als sie 1992 den Melchhof starten, gelten sie im Dorf noch als die komischen Ökofreaks und müssen einiges aushalten. Jetzt fällt ihnen das Abgeben nicht leicht. Eine Gründungsberatung vermittelt zwischen den Parteien, mehrere Jahre dauert der Prozess. Am Ende gelingt es: Heute arbeitet Beate Alberts als Angestellte auf dem Hof, den sie einst gegründet hat.
Saida, Tarek, Johannes und Marlene führen den Melchhof heute als Team – in Teilzeit, mit guter Work-Life-Balance und eigenen Ideen wie der Gemüsekiste zum Selbstabholen oder der Saftbar auf dem Fusion-Festival. Und mit Kindern, die zwischen Beeten und Obstbäumen aufwachsen. Ein Dorf im Dorf, sagt Saida Lindner – mit ein paar Nachteilen, aber vor allem: mit ganz vielen Vorteilen.